Amish People

Samuel ist zunächst nicht in der Lage, den Mörder zu identifizieren im üblichen Aktenberg aller Tatverdächtigen; aber plötzlich erkennt er ihn wieder auf einem Foto, das stolz am Schwarzen Brett des örtlichen Polizeireviers präsentiert wird: es zeigt einen mit etlichen Preisen dekorierten Dogenfahnder. Als John Book (Harrison Ford) seine Entdeckung dem örtlichen Polizei-Chef mitteilt, landet er unversehens in einer Klemme, in welcher er selbst zur Zielscheibe wird, auf die geschossen wird. Der dubiose lokale Behördenchef, zweitens der des Mordes nun frisch verdächtige Drogen-Fahnder und ein dritter korrupter Polizist feuern auf ihn, Book benötigt überlebensnotwendig einen Platz, an dem er sich von seinen Verwundungen erholen kann, und was gäbe es da für einen besseren Ort als einen im Hause Lapp, mitten im abgetrennt liegenden Gebiet der Amish People? Der Kontrast zwischen der mit Stolperfallen randvollen städtischen Polizeibehörde und der bukolisch-rustikalen, außerhalb unserer Gegenwart liegenden Amish-Gesellschaft ist einer der frappierendsten Ideen dieses Drehbuches. Ford, angezogen mit einem blauen groben Leinenhemd und jenen einige Zentimeter zu kurzen schwarzen Amish-Hosen ist ein Bild für die Götter – er sieht aus wie der sprichwörtliche Fisch auf Landurlaub. Mit einem plötzlichen Paukenschlag ist man wie zurück-verhext ins 18. Jahrhundert, keine Elektrizität, keine Autos, kein Fernsehen oder Computer. Man kommt sich vor wie auf einem anderen Planeten. Und das archaischen Leben der Amish-Gemeinde, welches sich konserviert heute noch in Pennsylvania auf die gleiche Weise erhalten hat, prallt auf den Kriminalbeamten Book wie eine Invasions-Meute vom anderen Stern (nicht nur die Benzin- und Radiolosigkeit, auch die bedrohliche moralische Engstirnigkeit der Clan-Führer und ihre zwanghaft-dominante Regelsucht tun das ihre). In anderen Bereichen sind sie wohltuend sanft, pazifistisch bis auf die Knochen, körperlich hart arbeitend und bewundernswert konsequent darauf bedacht, die verdorbene amerikanische Gegenwartswelt nicht in ihr Leben hineinspülen zu lassen. Sie sind voller tief verlässlicher Nachbarschaftshilfe, bis zur Selbstaufgabe kooperativ. Das gemeinschaftliche, auf die gleiche Minute terminierte Aufrichten einer auf der Erde liegenden Scheunen-Balken-Konstruktion an geschickt gelegten Leinen, eine uralte Zimmermannstradition, ist wahrlich des Anschauens wert. Wir fühlen Sympathie für diese ruhigen, bescheidenen Menschen, wenn die Welt da draußen rücksichtslos auf sie überspringt, wenn sie versuchen, sich durchzumanövrieren mit ihren Pferdewägelchen auf einer mit modernem Verkehr vollgepfropften Bundesstraße. Ford liefert die besten Filmszenen mit der Art, wie er versucht, sich zurecht zu finden in dieser Welt. Er macht mit beim gemeinschaftlichen Hausbau, erledigt archaische landwirtschaftliche Arbeiten – dennoch: die Amish-Gemeinde hält ihn, so sehr sie auch seine Fähigkeiten respektiert, armlang auf Abstand. Einerseits, weil er sich in die junge Witwe Rachel Lapp verliebt (die seine Gefühle erwidert). Andererseits, weil seine Anpassung nur oberflächlich erscheint. Während einer erneuten Stippvisite in der nächstgelegenen Stadt, als eine Gruppe Vorstadt-Lümmel Amish-Leute provoziert, mischt sich Book mit einem Boxhieb ein – und kassiert seinerseits dafür eine blutige Quittung. Sein beruflich notwendiges passives Versteckspiel war auf eine zu harte Probe gestellt worden. Die örtliche Polizeiwache samt korruptem Chef und mordverdächtigem Drogenfahnder bekommt somit rasch Wind davon und geht darauf zu, ihn in seinem Versteck aufzustöbern und ihn endgültig zu erschießen – und den schweigsamen Zeugen Samuel gleich mit. Im Kontrast zu den eindimensionalen Darstellungen in den “Star-Wars”-Filmen und als Indiana Jones zeigt Ford hier eine viel nuanciertere Leistung; er ist einerseits knallharter Großstadt-Polizist und andererseits täppischer Flüchtling, der sich nicht ganz zurecht findet. Lukas Haas ist sehr effektiv als achtjähriger Junge Samuel, offenen Auges und mit wachen Ohren; und Kelly McGillis ist exzellent in der Rolle der Mutter, hin- und her-gerissen zwischen ihren Gefühlen für Book und ihren Bindungen an die Gemeinschaft der Amish-People. Vor Augen hat sie die Drohung, für den Rest ihres Lebens ausgeschlossen zu werden aus der Gemeinschaft und somit den Kontakt zu allen Menschen zu verlieren, die sie kennt – wenn sie Book heiratet. Es gibt übrigens einige weitere erwähnenswerte schauspielerische Leistungen, besonders die von Alexander Godunov, des heimlichen Verehrers der Witwe Lapp, dessen angeborene Höflichkeit es ihm verbietet, allzu starke Ressentiments zu äußern gegen die Anwesenheit von Book; Danny Glover als der mordskalte korrupte Drogenfahnder macht seine Sache ebenfalls gut. Peter Weirs sensible Regieführung schält den Kontrast zwischen der “Ungleichzeitigkeit” der zivilisations-spezifischen Orts- und Zeit-Verankerungen gekonnt hervor und es gelingt ihm, die so entstehende Spannung den gesamten Filmverlauf über zu halten. “Der einzige Zeuge” ist kein üblicher Abenteuer- oder Aktion-Knüller wie viele andere Streifen, aus denen Ford das diesbezügliche Image bezieht, der Film benötigt wahrlich keinerlei pyrotechnische Kniffe, um aufzufallen. Es ist ein handwerklich hervorragend gedrehter, perfekt schauspielerisch ausgefeilter, außerordentlich zufriedenstellender Film.

About frizztext

writer, photographer, guitarist

18 responses to “Amish People

  1. Thank you Frizz, I’m awed. I love our Amish community and will continue to get new shots as they are available to me. Thank you again.

    Like

  2. I used to visit Amish communities quite a bit. They were always so gracious.

    Like

  3. Pingback: Pagination « Flickr Comments

  4. Pingback: Topics « Flickr Comments

  5. Pingback: Fascinated by movies « Flickr Comments

  6. Pingback: Pope – reason and superstition « Flickr Comments

  7. Pingback: Pics + Posts 61-70 « Flickr Comments

  8. Pingback: Pics + Posts 71-80 « Flickr Comments

  9. Pingback: Bridge into the past « Flickr Comments by FrizzText

  10. It does seem peaceful. A life dedicated to family and the land sans the modern distractions. I must admit that Im slightly envious, but I’m often seen walking around with a case of ‘the grass is always greener’.
    Nice blog, by the way. How did you get that flag counter? It’s very cool!

    Like

  11. Pingback: the A archive « Flickr Comments by FrizzText

  12. Pingback: the secret magic of photography « Flickr Comments by FrizzText

Hearing from you makes my day!

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d bloggers like this: